Lobau: Wasserentzug durch unnötige Sperrbrunnen

Aktualisiert: 12. August 2019
Mit Sperrbrunnen am Donau-Oder-Kanal pumpt die Stadt Wien seit zehn Jahren unnötig Grundwasser aus der Lobau in die Donau – im Umfang von bis zu zwei Drittel der Wassermengen, die dem Nationalparkgebiet über die Neue Donau zugeführt werden.

Donau-Oder-Kanal, August 2018

Dass die Nutzung des Grundwassers in der Lobau mangels Aufbereitungsanlage alle Dotationsprojekte für die Untere Lobau blockiert, ist zwar das Hauptproblem. Diese Nutzung trägt aber bereits an sich zum Austrocknen der Lobau bei (Senkung des Grundwasserspiegels) – was auch die Stadt Wien bestätigt (Hervorhebung von mir):

Durch das Ausbleiben großflächiger Überflutungen und Durchströmungen kam es zu einer Senkung des Grundwasserspiegels. Das Wachstum von Wasser- und Sumpfpflanzen hatte eine Verringerung der freien Wasserfläche (Verlandung) zur Folge. Verschärft wurde die Lage durch die Wasserentnahme von Industrie und Landwirtschaft sowie durch die Trinkwasserentnahme des Grundwasserwerkes Lobau.
Siehe System von Begleitdämmen zum Donau-Hochwasserschutz, Webseiten der MA 45 (Wiener Gewässer)

Leider richtet die Stadt Wien in Zusammenhang mit dem Grundwasserwerk noch weiteren Schaden an. Seit zehn Jahren etwa werden offenbar völlig unnötig Sperrbrunnen am Donau-Oder-Kanal betrieben, die der Oberen Lobau erhebliche Grundwassermengen entziehen – bis zu fünf Millionen Kubikmeter im Jahr, vielleicht auch mehr.

Altlasten Tanklager Lobau. Diese Sperrbrunnen wurden in den 1990er Jahren ursprünglich als Sofortmaßnahme errichtet, nachdem 1989 im Rahmen von Bohrungen im Abstrombereich des Tanklagers Lobau großflächige und umfangreiche Einträge von Mineralölprodukten entdeckt wurden. Das Tanklager, das unter der Nazi-Herrschaft errichtet wurde, war 1944/45 Ziel von Bombenangriffen der Alliierten. Die Kontaminationen waren offenbar eine Folge des Bombardements und der “in den folgenden Betriebsjahren aufgetretenen Leckagen”. (Gesicherte Altlast W12: Tanklager Lobau).

Die Sperrbrunnenreihe (siehe Plan: LB1 bis LB16, türkis) sollte eine Verschmutzung des Grundwassers im Bereich des Brunnenfelds des Grundwasserwerks Lobau verhindern. Das von diesen Sperrbrunnen geförderte Grundwasser wurde bzw. wird in die Donau, d.h. in den Ölhafen geleitet.


© Umweltbundesamt

Standort gesichert. Von 2003 bis 2009 wurde der Standort jedoch “durch die Errichtung einer Dichtwand im Anstrom sowie durch die Herstellung einer Sperrbrunnenreihe und eines Sperrelementes im Abstrom abgesichert”. Wie den offiziellen Informationen zu entnehmen ist, wurde “mittels hydraulischer sowie qualitativer Grundwasserkontrolluntersuchungen” nachgewiesen, dass vom Altstandort Tanklager Lobau “keine erheblichen Auswirkungen auf das Schutzgut Grundwasser mehr ausgehen”. Fazit: “Der Altstandort ist als gesichert zu bewerten.” (Gesicherte Altlast W12: Tanklager Lobau)

Es bestand daher bereits seit 2009 keine Gefahr mehr für das Grundwasser der Unteren Lobau. Die in den 1990er Jahren errichteten Sperrbrunnen entlang des Donau-Oder-Kanals waren also spätestens mit dem Nachweis der Sicherung der Altlast unnötig, blieben aber dennoch in Betrieb. Sie entzogen und entziehen der Oberen Lobau zwecklos Grundwasser, das einfach in die Donau gepumpt wird – in welchem Ausmaß, ist nicht ganz klar.

Das Umweltbundesamt spricht jedenfalls von “hohen Entnahmen”. Ein Anhaltspunkt lässt sich dem Endbericht zur Nationalparkplanung Donau-Auen von 1995 entnehmen (Nationalparkplanung Donau-Auen, Endbericht (1995), S. 322 – pdf, 58 Mb). Es handelte sich anfangs um 210 Sekundenliter (0,2m³/Sek), wie DI Roland Leiner, Ersatzmitglied der Nationalparkvorbereitungskommission für die MA 31 (Wiener Wasser) berichtete. Zitat:

Die Sperrwirkung wird derzeit seit zwei Monaten beprobt. Es werden derzeit 210 Sekundenliter in den Ölhafen hinausgepumpt und man glaubt, daß mit 160 Sekundenliter die Sperrwirkung voll sein müßte.

Oben rein, unten wieder raus. Selbst 160 Sekundenliter wären bereits bis zu zwei Drittel der Menge an Oberflächenwasser, die über die gedrosselte Dotation aus der Neuen Donau in die Obere Lobau gelangt (0,25m³ bis 0,35m³/Sekunde im Jahresschnitt). (Auenrevitalisierung–Potenzial und Grenzen am Beispiel der Lobau, Nationalpark Donau-Auen, Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft 11-12/13, Gabriele Weigelhofer, Walter Reckendorfer, Andrea Funk & Thomas Hein, S.402) Für die Grundwasserreserven in der Oberen Lobau könnte der Effekt insgesamt sogar negativ sein, da nur ein Teil des Dotationswassers ins Grundwasser gelangt. Rechnet man die Entnahme (160 l/Sekunde) auf ein ganzes Jahr hoch, ergeben sich mehr als fünf Millionen Kubikmeter – das entspricht 200.000 Tankwagen mit je 25 m³ oder etwa dem mittleren Trinkwasserbedarf Wiens für knapp zwei Wochen.

Der offenbar sinnlose Weiterbetrieb dieser Sperrbrunnnen ist bezeichnend für den widersprüchlichen und inkonsequenten Umgang der Stadt Wien mit dem Wasserproblem in der Lobau.

© Umweltbundesamt

Wirkungslose Ersatzdotation. Durch die Maßnahmen zur Isolierung der Altlasten – darunter eine neue Sperrbrunnenreihe – kam es zu einem Absinken des Grundwasserspiegels östlich des OMV Tanklagers. Diese Auswirkung sollte durch eine Grundwasserdotation aus dem Oberleitner Wasser über den Hausgraben kompensiert werden (siehe Karte rechts, Hausgraben violett hervorgehoben). Diese Dotation erfüllt aber keineswegs ihren Zweck, versichert Manfred Christ vom Verein Lobaumuseum: Im Oberleitner Wasser gibt es die meiste Zeit des Jahres einfach zu wenig Wasser dafür.

Die Dotation aus dem Oberleitnerwasser in den Hausgraben ist eine Farce, funktioniert nicht, aus dem einfachen Grund, weil das Oberleitnerwasser fast nie genug Wasser führt. Und das liegt wiederum daran, dass von der Alten Donau her nicht genug dotiert wird.

Geplante Dotation Panozzalacke. Die MA 45 (Wiener Gewässer) verfolgt bereits seit den 1990er Jahren (!) das Projekt einer zusätzlichen Dotation der Oberen Lobau von der Neuen Donau über die Panozzalacke in den Fasangartenarm bis zum Tischwasser; 2019 könnte es endlich umgesetzt werden (siehe Lobau verdurstet wegen rätselhafter Keller, Beitrag auf lobaumuseum.wien vom 12.5.2019). Theoretisch könnten diese Wassermengen in das Oberleitner Wasser gelangen und damit auch in den Hausgraben, womit die “Ersatzdotation” ihren Zweck tatsächlich erfüllen könnte. In nennenswertem Umfang aber wohl nur, wenn dazu der Markethäufelgraben genutzt wird. Das scheint aber neuerdings nicht mehr vorgesehen zu sein, befürchtet Manfred Christ vom Verein Lobaumuseum: Für das Tischwasser gelten Grenzwasserstände, die nicht überschritten werden dürfen und der Panozzalacken-Dotation enge Grenzen setzen könnten.

Stilllegung der Sperrbrunnen 2019? Die Sperrbrunnen entlang des Donau-Oder-Kanals könnten 2019, mit zehn Jahren Verspätung, endlich stillgelegt werden: “Nach meinem Wissensstand arbeiten die Wasserwerke daran, den alten wasserrechtlichen Bescheid, der dieser Sperrbrunnenreihe zugrunde liegt, ungültig zu machen, damit sie außer Betrieb gesetzt werden können“, so Alexander Faltejsek, Leiter der Forstverwaltung Lobau, im Rahmen der Vorstellung des neuen Managementplans für den Nationalpark Donau-Auen am 26. November 2018 in Orth an der Donau. (Siehe Was wird aus der Lobau?, 28.11.2019, Beitrag auf lobaumuseum.wien) Bis zum Erscheinen dieses Beitrags scheint das leider nicht geschehen zu sein.

Ich habe bei der MA 31 am 24.5.2019 um Auskunft zu den Sperrbrunnen ersucht, und die MA 31 teilte mir am 4.6.2019 im Wesentlichen Folgendes mit:

Die MA 31 – Wiener Wasser betreibt aktuell die Rückgabe des Wasserrechtes für die Sperrbrunnen Lobau. Für die Einreichung bei der Wasserrechtsbehörde ist die Ausarbeitung der betrieblichen und technischen Maßnahmen notwendig. Nach der Ausarbeitung wird das Projekt bei der Wasserrechtsbehörde eingereicht.

Woraus sich ableiten lässt: 1. Die Sperrbrunnen am Donau-Oder-Kanal sind, wie vermutet, nach wie vor in Betrieb. 2. Meine nachstehenden Mutmaßungen in Zusammenhang mit dem Lobautunnel dürften eher nicht zutreffen. 3. Die Stilllegung der Sperrbrunnen ist entweder ein unerhört komplexes Unterfangen oder gehört nicht gerade zu den Prioritäten …

Lobautunnel, Altlasten und Sperrbrunnen

© Asfinag, Bearbeitung Robert Poth

Da die Altlast als gesichert gilt, sollte die Aufhebung dieser Wasserrechtsbescheide kein Problem sein. Es sei denn, es gibt gewisse Befürchtungen in Zusammenhang mit dem geplanten Bau des Lobautunnels für die S1. Laut Planung durchbrechen die beiden Tunnelröhren (Maximaltiefe 60 m) die bis in 70 Meter Tiefe reichende westliche Dichtwand (siehe Bild rechts; Quelle: S 1 Wiener Außenring Schnellstraße Neubau Schwechat bis Süßenbrunn).

Zwar heißt es im S1-Genehmigungsbescheid (2015) des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie, dass die Altlast im Zentraltanklager dabei lediglich “unterquert” werde. Daher wird offenbar davon ausgegangen, dass zwar die Dichtwand wiederherzustellen ist, es aber ansonsten bei den Bauarbeiten zu keinem Austrag von Altlasten in das Grundwasser kommen kann.

Doch nehmen wir an, die zuständigen Fachleute der Stadt Wien wollen sich nicht darauf verlassen, dass es bei den Bauarbeiten keine Probleme mit der Dichtwand gibt, und kommen zum Schluss, dass die neue Sperrbrunnenreihe im Abstrombereich (östlich des Tanklagers) im Fall des Falles nicht ausreichen würde, um eine allfällige Kontamination bis hinein ins Brunnenfeld des Grundwasserwerks Lobau mit Sicherheit auszuschließen. Dann könnte durchaus beschlossen werden, die alte Sperrbrunnenreihe am Donau-Oder-Kanal “für alle Fälle” doch nicht stillzulegen – ob mit dieser, einer anderen oder keiner offiziellen Begründung.

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